Jenseits von Buzzwords.
An dieser Stelle teile ich Gedanken, Ideen und Strategien rund um vertikale Entwicklung und Veränderung – angeregt durch wissenschaftliche Erkenntnisse, Erfahrungen aus meiner eigenen Praxis und aktuelle Fachdiskussionen.
Thomas Binder: Ich-Entwicklung für effektives Beraten
Wer sich mit vertikaler Entwicklung beschäftigt, kommt im deutschsprachigen Raum an Thomas Binder und diesem Buch nicht vorbei.
Was ist das für ein Buch?
Das Buch ist ein Grundlagen- und Referenzwerk zur Ich-Entwicklung. Es richtet sich an Leser:innen, die das Konzept verstehen, einordnen und kritisch würdigen wollen.
Was deckt das Buch ab?
Im Kern hat das Buch drei Schwerpunkte.
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Ausführliche Darstellung des Ich-Entwicklungsmodells von Jane Loevinger: seine theoretischen Grundlagen, die Entwicklungsstufen und -dimensionen, seine Weiterentwicklung insbesondere durch Susanne Cook-Greuter sowie Bezüge zu Robert Kegan. Dazu gehören auch Fragen nach Stabilität und Veränderbarkeit, der Verteilung der Entwicklungsstufen im Erwachsenenalter, dem Verhältnis zu Persönlichkeit sowie zentrale Kritikpunkte am Modell.
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Empirische Überprüfung des Modells: Binder arbeitet die Forschung zu Reliabilität und Validität auf und untersucht unter anderem, wie sich Ich-Entwicklung von Intelligenz, Sprachvermögen und sozioökonomischem Status abgrenzt und wie sie mit verwandten Reifekonzepten zusammenhängt. Auch die Einheit des Ichs, die Abfolge der Stufen und die kulturelle Universalität des Modells werden geprüft.
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Untersuchung der Verbindung von Ich-Entwicklung und Beratungskompetenz: zunächst über inhaltliche Parallelen zwischen Kompetenzanforderungen an Berater:innen und Aspekten der Ich-Entwicklung, anschließend anhand empirischer Studien. Dabei geht es unter anderem um Empathie, Beratungseffektivität, Passung zwischen Berater:in und Kund:in, Selbstregulation, Werte, Selbstkompetenz und den Umgang mit Komplexität.
Wie ich das Buch nutze
Ich nutze es vor allem als Nachschlage- und Vertiefungswerk.
Einzelne Aspekte der Ich-Entwicklung kann ich hier gezielt nachlesen und weiß, dass ich auf eine sorgfältig recherchierte wissenschaftliche Grundlage zurückgreife. Gleichzeitig bekomme ich bei Bedarf Zugang zu einer großen Zahl weiterführender Studien, Autor:innen und Modelle. Binder liefert nicht nur seine eigene Darstellung, sondern erschließt die wissenschaftlichen Hintergründe und verweist auf Literatur, mit der sich einzelne Fragen weiter vertiefen lassen.
Für mich ist es deshalb kein Buch, das man einmal liest und dann wegstellt, sondern eines, zu dem ich immer wieder zurückkehren kann.
Gedanken, von denen ich besonders profitiert habe
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Reife und Führungseffektivität hängen zusammen.
Binder berichtet über eine Studie von Eigel und Kuhnert, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen Ich-Entwicklung und der eingeschätzten Effektivität von höheren Führungskräften in komplexen Führungssituationen (r = 0,55) zeigt.
Das ist ein wichtiger Befund: Vertikale Entwicklung ist nicht nur ein interessantes psychologisches Konstrukt. Sie scheint damit zusammenzuhängen, wie wirksam Führungskräfte mit komplexen Anforderungen umgehen. -
Ich-Entwicklung erklärt nicht alles.
Binder stellt Ich-Entwicklung weder als Konkurrenz zu Persönlichkeit, Intelligenz oder anderen Entwicklungsmodellen dar noch als Erklärung für alles. Die Abgrenzung zu klassischen Persönlichkeitseigenschaften macht deutlich, dass unterschiedliche Modelle unterschiedliche Fragen beantworten.
Ich-Entwicklung ergänzt diese Perspektiven um die Frage, wie ein Mensch sich selbst, andere und die Welt strukturiert und interpretiert. Auch Intelligenz hängt mit Ich-Entwicklung zusammen, ist aber nicht dasselbe. -
Stufenspezifisch ansprechen.
Binder greift Kegans Gedanken der „stufenspezifischen Reizbarkeiten“ auf: Was Menschen innerlich stark beschäftigt oder aufbringt, verändert sich mit der Ich-Entwicklung.
Für Beratung und Entwicklung heißt das für mich: Je nach Entwicklungsstufe können unterschiedliche Themen empfindlich, bedrohlich oder konfliktträchtig sein. Wer Menschen erreichen will, sollte diese Unterschiede berücksichtigen. -
Der nächste Reifesprung ist gefragt.
Anhand mehrerer westlich geprägter Datensätze zeigt Binder, dass rund 75 bis 80 Prozent der untersuchten Personen den sogenannten „konventionellen Stufen“ zuzuordnen sind, die durch eine an Normen, Regeln und Standards orientierte Sicht auf die Welt gekennzeichnet sind.
Er berichtet diese Verteilung als empirischen Befund. Ich lese ihn vor dem Hintergrund der globalen Polykrise, die längst in unser Privat- und Arbeitsleben hineinwirkt. Viele der Herausforderungen, vor denen wir stehen, lassen sich mit einer Logik, die auf klare Regeln und verlässliche Standards setzt, nur begrenzt bewältigen.
Das Hoffnungsvolle daran ist für mich: Mit zunehmender Reife wächst auch unsere Fähigkeit, hiermit innerlich umzugehen. Nicht, weil Krisen dadurch weniger bedrohlich werden. Sondern weil wir weniger darauf angewiesen sind, dass die Welt übersichtlich, eindeutig und kontrollierbar bleibt. Wir gewinnen inneren Spielraum zurück, wo äußere Sicherheiten wegbrechen – und damit auch die Möglichkeit, unter Druck handlungsfähig zu bleiben, ohne vorschnell in Rückzug, Vereinfachung oder Feindbilder auszuweichen.
Für wen lohnt sich das Buch?
Das Buch lohnt sich besonders für Berater:innen, Coaches, Führungskräfteentwickler:innen, Organisationsentwickler:innen und Trainer:innen, die Ich-Entwicklung fundiert verstehen und in ihre Arbeit einordnen wollen.
Weniger geeignet ist es für Leser:innen, die vor allem ein leicht konsumierbares Praxisbuch oder konkrete Interventionen suchen.
Fazit
Ich-Entwicklung für effektives Beraten ist eines der zentralen Grundlagenwerke zur vertikalen Entwicklung.
Seine Stärke liegt darin, Ich-Entwicklung theoretisch, empirisch und mit Blick auf professionelle Praxis zusammenzuführen. Das Buch zeigt, dass vertikale Entwicklung weit mehr ist als ein akademisch interessantes Modell: Für mich berührt es die Frage, wie wir innerlich mitwachsen können, um in einer sich dramatisch verändernden Welt handlungsfähig zu bleiben.
Quelle:
Binder, T. (2019). Ich-Entwicklung für effektives Beraten. 2., unveränderte Auflage. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.